Moritz Wenz ist in Flingern ein durchaus bekannter Name. Zehn Jahre lang hatte er einen Concept Store mit Showroom an der Ackerstraße, verkaufte dort neben seinem eigenen Schmuck und Lederwaren auch Taschenmesser, Papeterie oder Spirituosen von ausgesuchten Manufakturen, für die er Vertrieb und Design-Management übernahm. Nicht zuletzt mischte Wenz mit, wenn es darum ging, die Ackerstraße im Besonderen und den Stadtteil im Allgemeinen durch Events wie „Flingern Nacht“ nach vorne zu bringen. Mit anderen Worten: Alles lief doch eigentlich wunderbar.
Aber das sah Moritz Wenz zuletzt nicht mehr ganz so. „Alles hat so seine Zeit, zehn Jahre Ackerstraße sind genug“, sagt der 50-Jährige, verweist auf seine Familie (zwei fünf- und achtjährige Jungs) sowie die schwierige Entwicklung seiner Branche und den Einzelhandel. „Das ist nicht mehr meine Welt“, sagt Wenz, der sich nach einem intimeren Ort ohne Ladentür im Rücken sehnte – und in einem ehemaligen Kloster fündig wurde. Das Kloster Flingern an der Flurstraße 57 hat sich schon vor einigen Jahren zu einem Raum für verschiedenste Aktivitäten und Veranstaltungen entwickelt, hier arbeiten Künstler, Grafiker, Musiker und Yogalehrer, im alten Kirchenschiff finden Konzerte, Lesungen oder auch der Nachtmarkt statt. Und genau dort hat sich Wenz jetzt eingemietet – ein Raum, 30 statt 120 Quadratmeter.
„Hier kann ich mich auf meine angelernten Fertigkeiten besinnen“, sagt Wenz, der sein Handwerk in der Schmuckstadt Pforzheim gelernt hat. Diese Entscheidung bedeutet für ihn schon ein Stück weit, zurück zu den eigenen Wurzeln zu kehren, „aber das muss ja kein Rückschritt sein, kann durchaus auch eine Weiterentwicklung bedeuten“. Und überhaupt passt das zum veränderten Kaufverhalten seiner Kunden, die bewusster auswählen, ausführlicher beraten werden wollen, denn Schmuck soll und darf die jeweilige Persönlichkeit dezent unterstreichen, etwa mit Initialen, „und das gilt natürlich vor allem für Trauringe, aber eben auch für bestimmte Wappenringe, die ich auf Kundenwunsch anfertige“, sagt Wenz. Und erst recht für wertvolle, mit Emotionen behaftete Erbstücke, die der Goldschmied umarbeitet oder komplett recycelt.
Aber ausgerechnet die Flurstraße, die nun schon seit ein paar Jahren wegen der Suchthilfeambulanz in Verruf geraten ist? Drogenabhängige, die sich in Hauseingängen Spritzen setzen, ihre Notdurft verrichten, Anwohner auf der Straße anpöbeln. „Hier gibt es doch auch tolle Läden und Cafés, ich habe bisher jedenfalls noch nichts von dem, wovon so viele erzählen, mitbekommen, hoffentlich bleibt das auch so. Man muss dem erst einmal tolerant und ohne Vorbehalt begegnen, dem Viertel eine Chance geben und es nicht einfach abschreiben“, betont Wenz.
Die neue Arbeitsumgebung bietet natürlich auch Raum für spielerische Umschreibungen. Seine Werkstatt nennt der Hausherr nun Klosterschmiede, im Weihnachtsgeschäft lud er in den „kleinen Klosterladen“ ein. Der Anspruch von Wenz ist jedenfalls, Schmuckstücke zu kreieren, die den Besitzer im Optimalfall ein Leben lang begleiten. So was spricht sich dann rum, „zu mir kommen inzwischen die Kinder von Stammkunden“, sagt Wenz. Und wer dafür dann zum Teil sogar weite Wege inkauf nimmt – aus Hamburg, sogar aus der Bretagne, wie der 50-Jährige beteuert – der weiß dann auch eine Umgebung mit besonderer, historisch bedeutsamer Atmosphäre zu schätzen.
Einfach so hereinspazieren kann man bei Moritz Wenz jetzt in der Regel nicht mehr, dafür gibt es ein Termin-Tool auf seiner Webseite. Dass er inzwischen zumeist alleine in seinem Atelier ist, macht ihm nichts aus, „im Gegengteil, den Laden voll Menschen zu haben, da bin ich irgendwie rausgewachsen. Die Stille fördert dagegen die Konzentration, ich kann meine Arbeitszeiten weitgehend flexibel gestalten. Außerdem gibt es hier im Kloster einen regen Austausch“, sagt Wenz, der in seiner Düsseldorfer Zeit „nie aus Flingern rausgekommen“ ist. Insofern gibt es dann eben doch eine Konstante in seinem Leben.
(arc jj)